Reportage neue Arbeitsmodelle
Wie die Pflege verschiedene Arbeitsmodelle der Zukunft für sich nutzt - auch auf Führungsebene
Marktgerechte Löhne, gute Sozialleistungen, attraktive Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sind nicht alles. Als fortschrittliche Arbeitgeberin lässt sich die Lindenhofgruppe noch mehr einfallen, um für qualifizierte Fachpersonen attraktiv zu bleiben. Das Rezept: Mit der Zeit gehen und bereits heute auf Arbeitsmodelle der Zukunft setzen. Kathrin Tackmann und Claudia Kohler sowie Christine Althaus erzählen, warum das eine gute Lösung für unterschiedliche Bedürfnisse sein kann. Die persönlichen Erfahrungen zeigen aber auch, wo die Herausforderungen liegen.
Claudia Kohler-Schilter, Abteilungsleiterin Pflege Dialyse
Kathrin Tackmann, Abteilungsleiterin Pflege Dialyse
Sie arbeiten als Co-Leitung der Dialyse-Abteilung. Warum haben Sie sich für dieses Arbeitsmodell entschieden?
Kathrin Tackmann: Mit der Geburt des zweiten Kindes habe ich mir nicht mehr vorstellen können im 80-Prozent-Pensum zu arbeiten. Meine Funktion und Arbeit als Leiterin Dialyse habe ich aber sehr gerne gemacht. Darum musste ich mir überlegen, welche Möglichkeiten ich habe, um die Stelle zu behalten. Ein 60-Prozent-Pensum wäre ideal gewesen, aber aus meiner Sicht zu knapp um den Anforderungen in meinen Aufgaben gegenüber dem Team und den Patienten gerecht zu werden. Dann ist mir das Co-Leitungsmodell eingefallen. Daraufhin habe ich mit meiner damaligen Stellvertreterin Claudia Kohler und meinen Vorgesetzten das Gespräch gesucht. Und so kam es dazu, dass Claudia und ich heute die Abteilung gemeinsam leiten, ich mit 60 Stellenprozenten und Claudia mit 80 Stellenprozenten.
Welche Vorteile bietet es Ihnen konkret?
Claudia Kohler: Wir können uns die Verantwortung und die Tage aufteilen. Somit ist – ausser in der Ferienzeit – immer einer von uns beiden auf der Station und kann Entscheidungen treffen. Das Tagesgeschäft ist sichergestellt. Schwierige Situationen können wir im Vier-Augenprinzip gemeinsam besprechen. Jeder bringt seine Ideen, das Fachwissen und seine Berufserfahrung ein, um gemeinsam eine gute Lösung zu finden. Dadurch, dass wir die Verantwortung teilen, sind wir beide auch ein Stück weit entlastet.
Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihre Arbeitgeberin Ihnen flexible Arbeitsmodelle anbietet?
Kathrin Tackmann: Ohne dieses flexible Arbeitsmodell hätte ich meine Funktion und meine Stelle nicht weiterführen können. Es gibt mir die Möglichkeit weiterhin in der Leitungsfunktion tätig zu sein, meine Stärken einzubringen diese weiterzuentwickeln und gleichzeitig für meine Familie da zu sein. Flexible Arbeitsmodelle setzten Ressourcen frei und ermöglichen, Familie und Beruf zu vereinbaren.
Bietet das Arbeitsmodell auch Vorteile oder Besonderheiten in Bezug auf verschiedene Generationen im Team?
Kathrin Tackmann: Ja, sehr. Claudia hat bereits erwachsene Kinder und hat die Phase, in der ich mich jetzt befinde, bereits erlebt. Sie kann zum Beispiel die älteren Teammitglieder teils besser verstehen, weil sie selbst auch schon in ähnlichen Situationen war. Mir geht es mit den jüngeren Teammitgliedern so. Es ist mir sehr wichtig, dass wir generationsübergreifend arbeiten können.
Claudia Kohler: Insgesamt ist das für das gesamte Team eine enorme Bereicherung. Hinzu kommt, dass wir grundsätzlich unterschiedliche Charaktere sind. Von dieser Konstellation profitieren alle im Team. Bedürfnisse ergänzen sich. Ich spüre zum Beispiel manchmal das hohe Tempo und bin froh, dass ich Teilzeit arbeiten kann.
Was ist Ihr persönliches Fazit?
Kathrin Tackmann: Das Team hat immer eine Ansprechperson. Persönlich bin ich froh, dass ich weiter meinen Beruf ausüben kann - zudem auf Leitungsstufe. Wenn man Mutter wird, stellt sich innerhalb der Familie häufig die Frage: Wie wird sich das Berufsleben beider Partner weiterentwickeln? Mein Mann hat zum Beispiel ebenfalls seine Stelle reduziert. So ist es uns möglich, dass wir im Team für unsere Familie da sind und gleichzeitig im Berufsleben nicht zurückstecken müssen. Das wäre ohne derartige Modelle kaum möglich. Ich bin sehr glücklich mit dieser Situation, die mir viele Wege aufgetan hat.
Claudia Kohler: Die Situation hat mir die Chance gegeben Aufgaben und Verantwortung als Co-Abteilungsleitung auszuüben und mitzutragen. Ich habe in der Zeit der Abwesenheit von Kathrin meinen Horizont betreffend Teamführung, Abteilungsorganisation und IT-Anwendung stark erweitern können. Als Co-Leiterin mit ihr zusammen schätze ich die gegenseitige Unterstützung in der Entscheidungsfindung und in der Umsetzung von Führungsaufgaben. Dank meiner familiären Situation kann ich sehr flexibel und, aus dieser Sicht, unbelastet arbeiten.


Christine Althaus, Bereichsleiterin Pflege Chirurgie/Ambulatorium Standort Lindenhofspital, Direktion Pflege
Wie lange sind die verschiedenen Arbeitsmodelle schon im Einsatz?
Die Direktion Pflege der Lindenhofgruppe positioniert sich auch in dieser Thematik zukunftsorientiert. So haben wir über 20 Jahre viele engagierte Familienfrauen, die in einer Poolorganisation arbeiten, wo Beruf- und Familienarbeit ermöglicht wird. Heute setzen wir uns mit verschiedenen Arbeitsmodellen auseinander, so wie sich der Arbeitsmarkt, die Gesellschaft und der Zeitgeist verändert. Auch die Kommunikationstechnologie hat sich gewandelt. Was früher beispielsweise über das Telefon abgestimmt wurde, wird heute digital über SMS, Chat oder andere Kanäle kommuniziert.
Was bringen die flexiblen Arbeitsmodelle für die Pflege der Lindenhofgruppe?
Flexibilität ist heute enorm wichtig, sowohl für die Arbeitnehmerinnen als auch für die Arbeitgeber. In unserer schnelllebigen Zeit schaffen flexible Arbeitsmodelle vor allem, dass wir genügend motivierte und qualifizierte Mitarbeitende gewinnen und im Unternehmen halten können. Auf diese Weise können wir ihnen Rahmenbedingungen bieten, damit sie im Beruf bleiben oder sich weiterentwickeln können. Gleichzeitig ist der Raum da, um sich Aufgaben im familiären Bereich zu widmen. Das kann die Kinderbetreuung sein, die Pflege älterer Familienmitglieder oder andere individuelle Gründe.
Wie wirken sich diese Arbeitsmodelle auf Patientinnen und Patienten aus?
Die unterschiedlichen flexiblen Arbeitsmodelle haben kaum einen Einfluss auf die Patienten, ausser dass sie gegebenenfalls einen vermehrten Wechsel der Pflegefachpersonen feststellen.
Welche Auswirkungen haben die flexiblen Arbeitsmodelle auf die verschiedenen Generationen?
Wir versuchen allen Altersgruppen gerecht zu werden und einen Rahmen zu schaffen, der es unseren Mitarbeitenden ermöglicht, bei den unterschiedlichen Bedürfnissen, weiterhin im Gesundheitsberuf zu halten. Jüngere Mitarbeitende möchten zum Beispiel ihre Arbeit öfter mal durch unbezahlten Urlaub unterbrechen und dann wieder an den angestammten Arbeitsplatz zurückzukehren. Dafür übernehmen sie vielleicht gehäufter die Nachtdienst-Einsätze. Die ältere Generation ist es häufig noch gewohnt, ohne Arbeitsunterbrechung, wie unbezahlten Urlaub, zu arbeiten. Dafür möchten sie gegebenenfalls keine acht Stunden pro Tag arbeiten, oder mehrere Freitage zwischen den einzelnen Arbeitseinsätzen.
Wie wirken sich die Modelle auf die Arbeitsleistung aus?
Es entsteht eine WIN-WIN-Situation. Die Mitarbeitenden haben im Arbeitsprozess die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit der individuellen Lebensgestaltung - wie Gründung einer Familie, Betreuung oder Pflege von Angehörigen - anzupassen, ohne die Arbeit zu verlassen. Wir erleben hochmotivierte, engagierte und äusserst flexible Mitarbeitende.
Welche Auswirkungen ergeben sich bei Ihnen auf der Stufe Bereichsleitung?
Wir müssen dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen und die positive Einstellung allen Generationen gegenüber sowie für alle möglichen Formen von flexiblen Arbeitszeiten vorhanden sind und umgesetzt werden können. Dies wiederum ist ein hoher Anspruch an die Abteilungsleitungen, welche ich gerne im Rahmen meiner Funktion Unterstützung biete.

